Nüchternheit und Prüderie - über einen kulturellen Aspekt der Moderne in Iran

Vortrag von PD Dr. Roxane Haag-Higuchi von der Universität Bamberg

Montag, 16.04.2018 18:00-20:00 Uhr, CAP2 - Hörsaal F

Ein bemerkenswerter Teil der vormodernen persischen Literatur besteht aus Gedichten und Prosastücken, die wir heute als nicht jugendfrei bezeichnen würden. Dabei handelt es sich nicht um drittklassige schlüpfrige Produkte, sondern um Werke, die nach allen Regeln der rhetorischen und poetischen Kunst gestaltet sind. Schmähschriften, didaktische und Unterhaltungsliteratur nutzen das direkte Wort ganz unbefangen. Unter den Verfassern finden sich große Dichternamen wie die mystischen Poeten Sana’i und Jalal ad-Din Rumi sowie die Ikone der klassischen persischen Dichtung, Sa’di. Um das Ende des 19. Jahrhunderts beginnt ein Prozess, in dessen Verlauf diese Art von Literatur nicht nur obsolet, sondern aktiv ausgegrenzt wird. Autoren verfassen kaum mehr obszöne Schriften, darüber hinaus wird der literarische Bestand an das veränderte Empfinden angepasst: Die wissenschaftlichen Ausgaben der Klassiker erscheinen „gesäubert“, indem ganze Gedichte ausgelassen oder die beanstandeten Wörter durch Punkte ersetzt werden. Der Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, welche Gründe man für diese mentalen Veränderungen anführen könnte und welche Vorgänge zur Verschiebung der literarischen Schamgrenzen geführt haben könnten.